Was ist "Prozessorientierte Homöopathie"?

Ein Beitrag von Andreas Krüger und Hans-Jürgen Achtzehn.
Vormals erschienen in der Zeitschrift "Homöopathische Einblicke"

Der Begriff "klassische Homöopathie" sollte auf der einen Seite zum Garanten für alte hahnemannianische Qualität werden und drohte auf der anderen Seite die Homöopathie zum Erstarren zu bringen. Wir möchten an dieser Stelle keine Kritik gegenüber anderen Homöopathen üben , sondern diese neue Begriffsfindung als eine Form der Standortbestimmung verstehen. Ähnliche Standortbestimmungen finden wir in Begriffen wie: "Wissenschaftliche Homöopathie", "Lebendige Homöopathie", "Homöopathie aus dem Herzen", "Universelle Homöopathie" usw.. Wofür früher der Name des Lehrers gestanden hat, da verbirgt sich heute meist ein homöopathisches Attribut oder eine Schule (Wiener Schule, Boller Schule, Hechtel usw..). Die Idee der prozessorientierten Homöopathie entwickelte sich aus der praktischen Erfahrung mit Patienten. Grundlage für unsere Arbeit bietet die Boller Schule und das Wirken unseres Lehrers Jürgen Becker. Im folgenden möchten wir unsere Arbeit und unser Verständnis in der Homöopathie als Heilkunde darstellen. Wir wissen, dass die Art der Ausübung der Homöopathie unter den Homöopathen sehr individuelle Züge hat und geben hiermit jedem die Möglichkeit, bei sich nachzuprüfen, ob ihm unsere Sicht- und Arbeitsweise ähnlich ist.



Wir beobachteten, daß nach der Gabe des lege artis gewählten Heilmittels nicht nur eine Reaktion auf der Ebene des vorherrschenden Symptoms auftrat, sondern oft auch eine individuelle Veränderung, ein "Erkenntnisprozess" einsetzte. Anfänglich drückten sich diese Veränderungen oft in Traumbildern aus, schlugen sich aber bei fortwährender Therapiezeit und wiederholten Arzneimittelgaben in klarer und direkter Form auch im Verhalten und Denken des ganzen Menschen nieder. Im weiteren Verlauf erfuhren wir, daß diese Veränderungen entweder im Sinne eines eigenständigen Prozesses dauerhaft (homöopathischer Gnaden-akt) als Heilung blieben oder sich, was leider öfters der Fall war, nicht auf Dauer als ein neuer integrierter Wesenszug im Leben des Patienten niederschlugen. Zu oft verblaßten diese gesünderen Eigenschaften wieder im alltäglichen Geschehen, und alte Charakterzüge schlichen sich mehr oder weniger wieder ein.
Am auffälligsten erleben wir das im Bereich der psychischen Symptome. Z.B. kann es sein, daß eine Patientin mit einem neurodermitisch aussehenden Hautausschlag zu uns kommt und darüber klagt, daß sie immer mißverstanden wird, sich für alle aufopfert, um alle sorgt, daß sich aber um sie in der Not niemand kümmert. Die für sie richtige Arznei könnte z.B. Nat-m. sein. Daraufhin werden die Hautsymptome verschwinden, und sie wird sich für eine lange Zeit sehr wohl fühlen. Doch dann sitzt sie plötzlich wieder vor uns, berichtet über das erneute Aufflackern ihrer Hautsymptome, und wir erfahren bei näherem Nachfragen, daß sich an ihrer emotionalen Unzufriedenheit nichts verändert hat. Natürlich wiederholen wir modifiziert die Arznei - bei erneutem Wiederkehren der gleichen Symptome wechseln wir sie evtl. auch, weil wir glauben, daß wir die Idee des Falles nicht verstanden haben -, aber es will sich kein durchgreifender Erfolg einstellen. Das Wesen der Arznei, das mit dem Wesen der Patientin verbunden war, hat die Symptome vorerst verschwinden lassen, es war aber scheinbar nicht in der Lage, dauerhaft verändernd auf die Patientin einzuwirken. Solche und ähnliche Fälle begegnen uns in der Praxis immer wieder.
Der Fehler besteht nicht darin, daß die Arznei nur palliativen Charakter hatte oder daß man die Arznei wechseln müßte, sondern darin, daß wir bei der Wirkung der richtigen Arznei den inneren Widerstand des zu behandelnden Menschen nicht mit berücksichtigen. Mit diesem inneren Widerstand ist nicht der Glaube an eine homöopathische Heilung gemeint, sondern vielmehr die Frage, ob dieser Mensch, so wie er jetzt ist, wirklich gesund werden möchte. Diese Frage kann niemand so ohne weiteres mit "Ja" beantworten. Denn jeder Mensch zieht aus seiner Krankheit irgendeinen individuellen Nutzen, dagegen bedeutet Gesundheit unter anderem auch Selbstverantwortung, Verantwortung zu übernehmen, die Schuld nicht mehr auf andere schieben zu können, unbequem zu handeln, Konsequenzen zu ziehen, schmerzhafte Schritte zu unternehmen usw. Da ist es oft viel einfacher, wenn man beschwerdefrei im alten Trott weitermachen könnte. Wenn wir uns mit der prozeßorientierten Homöopathie befassen, dann wird es hauptsächlich um das Verständnis von Gesundheit und Krankheit gehen und darum, wie es möglich sein kann, mit dem Wissen um das Wesen der Arznei dem Patienten in seiner Entwicklung eine Hilfestellung bieten zu können, was weit über eine ausschließlich homöopathische Intervention hinausgehen kann.

Das Symptom

Die Begriffe von Gesundheit und Krankheit stehen sich in der naturwissenschaftlichen Lehre polar gegenüber wie Gut und Böse und sind ein Ergebnis dualistischer Weltanschauung. Die Homöopathie in unserem Verständnis fußt auf einer Weltanschauung mit dem alles entscheidenden Vorgang, daß man im Einen das Ganze erlebt, sieht und erkennt. Was wir davon in der Wirklichkeit erleben und womit wir uns gerade in der Homöopathie insbesondere zu beschäftigen haben, ist der Vorgang des Lebendigen, d h. ein Vorgang, der sich durch ein In-Beziehung-Treten auszeichnet. Alles Lebendige steht mit allem in Beziehung, nichts ist für sich allein zu betrachten, es herrscht in jedem Augenblick ein Aufnehmen und Abgeben, ein Fließen und Wandeln.
Paul Dahlke sagt dazu: "Wirklichkeit als Ernährung begreifen, heißt nicht eine solipsistische, rein subjektivistische Weltanschauung schaffen, in der nichts herrscht als die Eigensucht des Essers, sondern es heißt Wirklichkeit als ein ständiges Sich-Beziehen begreifen, das überhaupt keinen festen Standpunkt hat, weder im subjektiven noch im objektiven Sinne, sondern für das nichts übrig bleibt als dieser Vorgang des Sich-Beziehens von innen nach außen, ein Subjektiv-Objektives, das durch sein Dasein die Grenze zwischen beiden verwischt, in Frage stellt, aber gleichzeitig als wirklich sich dadurch erweist, daß es zwei Seiten hat, eine subjektive und eine objektive", und weiter: "Eine Disziplin, mag sie sein was sie will, Heilkunde oder sonst etwas, die auf Weltanschauung verzichtet, d.h. die darauf verzichtet, sich selber im Ganzen wiederzufinden, die verzichtet damit auf das Beste, auf ihre eigene Zukunft."
Die Betrachtung aus der Sicht des In-Beziehung-Stehens schließt die Begriffe Gesundheit und Krankheit als feststehende, definierbare Größen aus. Außerdem sind beide Begriffe für sich genommen überhaupt nicht erklärbar, es sei denn wir verstehen sie in Bezug zu jemandem. Insofern sollten wir wohl eher von einem gesunden oder kranken Menschen sprechen und nicht von einer Krankheit. Ein Virus ist keine Krankheit, und es ist auch nicht auslösende Ursache, sondern erst dadurch, daß ein Lebewesen mit ihm in Beziehung tritt, kann - und nicht muß - es geschehen, daß sich Symptome entwickeln. Diese Symptome sind wiederum nicht das alleinige Resultat des Virus. Sie sind Ausdruck der Auseinandersetzung. Ein Organismus ist durch seine Bereitschaft, "Anlage" oder Konstitution mit einem anderen Organismus in Beziehung getreten und befindet sich nun in einem mehr oder weniger lauten Disput. Dieser wiederum ist in Form von Symptomen sichtbar. Die Symptome sind nichts anderes als ein drastischer Versuch zur Herstellung von Kommunikation zwischen unserem inneren Wesen und dem für seine Stimme noch tauben Tagesbewußtsein. Das, was wir Symptome nennen, sind für die menschlichen Sinnesorgane erkennbare Anzeichen einer Auseinandersetzung dieses Menschen mit einem zuerst noch unbekannten "Problem".

Diese Symptome werden den Homöopathen mit Hilfe des Ähnlichkeitsgesetzes zum Arzneimittel führen, oder, wie Hahnemann schöner formuliert, sie werden nach dem Heilmittel rufen.
Das Entscheidende an der Neuaufnahme des von anderen (Hippokrates, Paracelsus, Hildegard von Bingen) vor Hahnemann schon postulierten Ähnlichkeitsgesetzes war die Tatsache der Entbegrifflichung der Krankheit. Es gibt keine Krankheit mehr, sondern nur noch "die Summe von Symptomen", was natürlich nicht heißt, das man krankhafte Veränderungen nicht durch schulmedizinische oder naturwissenschaftliche Meßgrößen erfassen kann. Nicht die Tatsache, daß man Ähnliches mit Ähnlichem heilt - diese Methodik taucht auch vereinzelt in der Schulmedizin auf -, sondern die Tatsache, daß es keine Krankheiten, sondern kranke Menschen gibt, macht den großen Unterschied zwischen der Homöopathie und der Schulmedizin aus. Eine Homöopathie, die Masern, Neurodermitis oder Migräne heilt, gibt es nicht, sondern nur eine Homöopathie, die Menschen heilt, die eine Summe von Symptomen zeigen, welche denen eines Krankheitsverlaufes von Masern, Neurodermitis und Migräne, wie sie die Schulmedizin beschreibt, ähnlich sind. Der Krankheitsname wird damit nicht restlos unsinnig, er dient lediglich als Kommunikationshilfe zwischen verschiedenen "Fakultäten", ohne daß sich dadurch zwangsläufig eine Therapieform ableitet. Durch diese Entbegrifflichung fällt das weg, was letzten Endes alle herkömmliche Naturwissenschaft ausmacht: das kausale Denken. Kausal zu denken heißt, von einem Ursache-Wirkungsprinzip - von Opfer und Täter, von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß - auszugehen. Wir sind mit diesen naturwissenschaftlichen Gedankenmustern aufgewachsen und kennen kaum eine andere Form des Denkens als diese. Aber daß ein kranker Mensch, als Summe der Symptome, der von einer Arznei repräsentierten Summe der Symptome entspricht, mit ihr also insofern in einer "verwandtschaftlichen Be-ziehung" steht, das hat mit Kausalität nichts zu tun, sondern ist vielmehr Ausdruck eines Erschließens eines neuen Wirklichkeitszusammenhanges und Grundlage einer anderen Wahrnehmungsart.

Wenn man in der Homöopathie nach kausalen Zusammenhängen sucht, etwa derart, daß man z.B. sagt, daß das Virus als Reiz "auslösende Ursache" einer Krankheit ist, dann fällt man in die wissenschaftliche Begrifflichkeit der Medizin zurück. Wir treten in Beziehung, d. h. hier ist der Mensch und dort das Virus.
Der Mensch entscheidet, zuerst unbewußt, reaktiv, seiner "Anlage" gemäß, über das weitere Zusammenwirken. Später - seinen einzelnen Entwicklungsschritten entsprechend -, kann er mehr zum Handelnden werden. Er kann alte Entscheidungen, die er z.B. auf Grund äußerer Zwänge und ungenügend gereifter Ich-Identität damals hat treffen müssen, korrigieren und neu entscheiden, d.h. es ist ihm nun möglich, bewußter seine Entscheidung zu treffen. Wenn wir von einer Ursache, von einem Ausgang oder von einem Beginn einer Krankengeschichte - niemals einer Krankheit - sprechen, dann nur insofern, als dieser Punkt wie focussiert die erste und überdeutlich wahrgenommene Erscheinung ist, die nach einem Heilmittel verlangt. "Folge von Durchnässung" ist nicht Ursache, sie bedeutet nicht, das im naturwissenschaftlichen Sinn hier die Causa einer Krankheit liegt, sondern daß wir ein Symptom haben, daß nach der Erfahrung aller Homöopathen so hochgradig arzneihinweisend ist - dadurch, daß diese Arznei eben diese Eigenschaft besitzt (Schwächung durch Nässe) -, daß wir sie als ähnlichste Arznei erkennen und verordnen. "Ursache" ist auch nicht der Mensch. Beide, die Nässe und der Mensch, sind zwei völlig unterschiedliche Angelegenheiten, die nun miteinander in Beziehung treten. Der Mensch hat sich von der Nässe beeinflussen lassen und war somit nicht in der Lage - im Gegensatz zu vielen anderen - sich vor ihr zu schützen. Die Antwort auf die Frage, warum er sich hat affizieren lassen, finden wir in der Aufspürung seiner "Anlage" oder Konstitution. Dieser Faktor ist immens wichtig, denn die Homöopathie arbeitet mit anderen Wahrnehmungsorganen als die herkömmliche Naturwissenschaft, und es ist entscheidend für einen Homöopathen, ob er sich diese andere Wahrnehmungsebene erarbeiten kann, oder ob er im kausalen Denken verhaftet bleibt. Im letzteren Falle, so möchte wir behaupten, wird es ihm nie möglich sein, über eine gewisse Stufe in der Homöopathie hinauszugelangen.

Verlassen wir das kausale Denken, dann verlassen wir auch die Frage nach der Schuld und jeglichen Schuldzuweisungen; treten wir ein in ein Beziehungsgeschehen, dann begreifen wir alles als ein in Beziehung stehendes Ganzes! Um ein Symptom entwickeln zu können, bedarf es auf der einen Seite eines "Problems" (ein Virus, eine psychische Irritation, eines besonderen Umwelteinflusses usw.) und auf der anderen Seite eine Bereitschaft oder Anlage dazu, sich mit diesem "Problem" auseinandersetzen zu wollen oder zu müssen. Die entscheidende Frage bei einer Heilung liegt darin, ob die Heilmethode nicht nur in der Lage ist, die Symptome zu beseitigen, sondern auch das mit zu beeinflussen, was mitverantwortlich war für das Auftreten dieser Symptome, nämlich die "Anlage" zum Krankwerden. Es ist jedem kranken Menschen die Möglichkeit der "Auswahl" mitgegeben. Alle "Anlagen" sind erworbene Eigenschaften, ob von dem jetzt erkrankten Menschen selbst oder durch andere vor ihm (Vererbung, Reinkarnation) soll dabei vorerst unwichtig sein (miasmatische Frage). Entscheidend ist allein, daß alles, was erworben wurde, keine starre Tatsache sein kann, sondern verändert und gewandelt werden kann.

Hahnemann weist im § 8 darauf hin, daß "..., nach Hebung aller Krankheitssymptome und des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zufälle, etwas anderes als Gesundheit übrig bliebe oder übrig bleiben könne,...". Er verbietet zu recht im § 6 jegliche "...übersinnliche Ergrübelungen..." und erwähnt im § 5, daß die Grundursachen meist auf einem chronischen Miasma beruhen. Wenn nach dem Verschwinden aller erkennbaren Symptome nichts als Gesundheit bleibt, dann müßten die homöopathischen Arzneien die "Anlage" über die Symptome rückläufig - sozusagen unsichtbar - beeinflussen ("Da nun jedesmal in der Heilung,..., zugleich die ihr zum Grunde liegende, innere Veränderung der Lebenskraft - also das Total der Krankheit gehoben wird, ..." § 17).
Je reichlicher und lebendiger das Spiel der Symptome ist, desto sicherer können wir die ähnlichste Arznei wählen und beobachten, daß nicht nur die aktuellen Symptome verklingen, sondern daß es im günstigen Fall auch kein erneutes Auftreten dieser oder heftigerer Symptome geben wird. Jeder Homöopath kennt solche wunderbaren Fallverläufe aus der Praxis und sie sollen uns hier als erster Beweis dafür dienen, daß eine homöopathisch verordnete Arznei nicht nur Symptome beseitigt, sondern auch die Anlage zu ihrer Entwicklung mit beheben kann. Doch leider wird der Alltag nicht von solchen Verläufen bestimmt.

Vielmehr kennen wir Fallverläufe, bei denen wir entweder öfters die Arzneien wechseln mußten oder in denen der Patient, wenn auch in größeren Abständen, so doch immer wieder mit einer ähnlichen "Problematik" zu uns kommt (s.o.).

Die Symptome sollen als Botschaften oder Wegweiser verstanden werden. Durch die Kraft des Heilmittels kann der aufgezeigte Weg dann wirklich beschritten werden, und der Patient kann in den Prozeß einer Verwandlung eintreten. Dadurch wird es dann meist erstmals möglich, gemeinsam mit dem Patienten den tiefsten für seine Problematik erkennbaren Auslöser herauszuarbeiten, zu bearbeiten und, wo möglich, aufzulösen. Aus dem Erkennen unserer eigenen seelsorgerischen und psychischen Defizite, hat sich mit der Zeit eine Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten aus unterschiedlichsten psychotherapeutischen Einrichtungen entwickelt. Diese Form der Arbeit hat die Frage aufgeworfen, inwieweit es nicht für den sich am Prozeß orientierenden Homöopathen eine Notwendigkeit ist, sich selbst psychotherapeuthisches Wissen anzueignen, und was dem vorausgeht, sich selbst in einen psychotherapeutischen Prozeß hineinzubegeben.  

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